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Schleich der Jüngere, Eduard

Abendstimmung im Moor

Entstehungsjahr ohne Jahr
Technik Öl auf Leinwand
Maße 60 x 119 cm
Münchener-Nr. 9060
Linz-Nr. 2243
Herkunft Kulturgüter aus ehem. Reichsvermögen

Beschreibung

Eduard Schleich d. J. (1853–1893) war ein deutscher Landschaftsmaler.[1] Der Sohn von Eduard Schleich d. Ä. (1812–1874) begann schon während der Schulzeit unter Julius Zimmermann (1824–1906) mit großem Eifer zu zeichnen und aquarellieren. Gemäß des väterlichen Willens schlug Schleich d. J. zunächst keine künstlerische Laufbahn ein, sondern besuchte das Polytechnikum, wo er eine Ausbildung zum Architekten erhielt. Hier stach der Künstler im Zeichnen und Malen besonders hervor, sodass der Vater nachgab und ihn in künstlerischen Techniken unterrichtete. Als dieser schon bald der Cholera erlag, wechselte Schleich d. J. an die Akademie, verließ diese jedoch bald wieder. Unter Josef Wenglein (1845–1919) betrieb er nun Studien nach der Natur. Insbesondere die Münchener Hochebene und das bayerische Gebirge lieferten ihm Stoff für seine Bilder.

Das Gemälde zeigt eine Abendstimmung im Moor. Mittig befindet sich ein Fluss, an dessen linkem Ufer zwei Rehe zu sehen sind. Am linken Bildrand ist eine hohe Birke dargestellt. Über der tiefen Horizontlinie erstreckt sich der bewölkte Abendhimmel in Gelb- und Blautönen.

Das Werk ist signiert „Ed. Schleich jr“, jedoch nicht datiert.

Ein Werkverzeichnis des Künstlers konnte nicht ermittelt werden. Darüber hinaus wurde die einschlägige Literatur zum Künstler hinsichtlich des Werkes überprüft.[2]

Folgende Hinweise können der Rückseite entnommen werden: Blau umrandetes Etikett mit perforiertem Rand „2243“ (Linz-Nr.); weißes  Etikett mit blauem Stempel „Kunsthandlung und Einrahmung / J. Kleinschmidt / Bonn am Rhein / Seit 1883 / Bonner Talweg 28a“.

[1] Für das Folgende vgl. Hyacinth Holland, Schleich, Eduard, in: Allgemeine Deutsche Biographie, 54 (1908), S. 31–33. URL: www.deutsche-biographie.de/pnd117322253.html#adbcontent [Abruf: 15.03.2019].

[2] Ohne Treffer: Friedrich von Boetticher, Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts. Beitrag zur Kunstgeschichte, Bd. 2.2, Dresden 1898, S. 577.

Provenienz

Zeittafel
(…) 
Bis 30.04.1917Vermutlich Frau B. Johannes, Meran
Ab 30.04.1917Vermutlich Galerie Julius Stern, Düsseldorf, erworben über die Galerie Heinemann, München
(…) 
Bis 17.10.1941Hans Tiel, Berlin
17.10.1941–05.01.1942Karl Haberstock, Berlin
Ab 05.01.1942Reichsvermögen („Sonderauftrag Linz“)
Ab Sommer 1943Eingang in das Bergwerk Alt-Aussee
13.10.1945Eingang in den Central Collecting Point München
Seit 1949Bundesvermögen

Laut Geschäftsunterlagen der Münchener Galerie Heinemann übernahm diese am 7. Mai 1914 ein Gemälde des Künstlers Eduard Schleich d. J. mit dem Titel „Herbstabend – Rehe am Wasser“ und den Maßen 60 x 120 cm aus dem Eigentum von „Frau B. Johannes, Meran“ auf Kommissionsbasis.[1] Am 30. April 1917 wurde das Werk an den Düsseldorfer Kunsthändler Julius Stern verkauft. Vermutlich handelte es sich hierbei um das heute in Bundeseigentum befindliche Gemälde. Aufgrund der unzureichenden Beschreibung des Werkes sowie des Fehlens einer Abbildung in den Geschäftsunterlagen der Galerie Heinemann, konnte eine Werksidentität nicht abschließend festgestellt werden. Eine Anfrage an das „Stern Cooperation Project (SCP)“ des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, in dessen Rahmen auch die ehemalige Bibliothek von Dr. Max Stern in der McGill-Universität Montreal überprüft wurde, lieferte keine Hinweise auf das Werk.[2]

Der nächste bekannte Eigentümer des Werkes war Hans Tiel, Berlin.[3] Zu dessen Identität liegen derzeit keine gesicherten Informationen vor.[4] In den Unterlagen der Münchener Galerie Heinemann erscheint im Jahre 1929 eine Person gleichen Namens, wohnhaft in der Bernburgerstraße 27 in Berlin. Er ist hier als Kunstsammler sowie Anbieter eines Gemäldes von Adriaen Isenbrant (um 1490–1551) verzeichnet.[5] Weiterhin sind in den Unterlagen des CCP München Hinweise auf einen Berliner Kunsthändler mit dem Namen Hans Tiel enthalten.[6] Eine Anfrage des CCP an das Einwohnermeldeamt Berlin-West vom 10. Mai 1951 verlief jedoch erfolglos.[7] Laut der nach dem 8. Mai 1945 neu angelegten Meldeunterlagen war Hans Tiel seit diesem Zeitpunkt nicht Einwohner von Groß-Berlin gewesen. Ob es sich bei den Vorgenannten um den gesuchten Hans Tiel handelt, konnte abschließend nicht festgestellt werden. Eine Recherche in den historischen Berliner Adressbüchern hinsichtlich des Namens verlief erfolglos.[8] Anträge auf Rückerstattung von Vermögenswerten nach Hans Tiel, Berlin konnten ebenfalls nicht ermittelt werden.

Tiel verkaufte das Werk am 17. Oktober 1941 für RM 5.200,- an Karl Haberstock (1878–1956).[9] Haberstock war ein deutscher Kunsthändler, der 1878 in Augsburg in eine Landwirtschaftsfamilie geboren wurde und eine Lehre als Bankkaufmann absolvierte. Nach dem Tod  seines Vaters im Jahre 1900 begann er für den Lebensunterhalt seiner Familie den Handel mit Gemälden, die sein Vater zu Lebzeiten gesammelt hatte. 1905 eröffnete er eine eigene Galerie in Würzburg, kurz darauf in Neuenahr. Ab 1907 war Haberstock in Berlin tätig. Nach mehreren Standortwechseln bezog er 1939 Geschäftsräume in der Kurfürstenstraße von wo er außerordentlich erfolgreich mit Kunst handelte. Zum Programm der Kunsthandlung gehörten zunächst deutsche Künstler des 19. Jahrhunderts.[10] Mit der Verlagerung seines Schwerpunktes hin zu deutschen Altmeistern des 15. und 16. Jahrhunderts,  holländischen und flämischen Künstlern des 17. und französischen sowie italienischen des 16. bis 18. Jahrhunderts suchte Haberstock Kontakt zu Persönlichkeiten wie Wilhelm von Bode (1845-1929), Gustav Glück (1871-1952), Otto von Falke (1862-1942) und Hans Posse (1879 bis 1942).[11] Im Jahre 1938 wurde Haberstock zum Mitglied der „Kommission zur Verwertung der Produkte entarteter Kunst“ berufen. Aufgrund seines weit verzweigten Netzwerkes und der Kontakte zur Führungsriege der Nationalsozialisten gehörte er zwischen 1939 und 1943 zu den wichtigsten Kunsthändlern für das geplante „Führermuseum“ in Linz.[12] Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde er zunächst interniert und im Verfahren im Jahr 1949 als Mitläufer und später als Entlasteter eingestuft.[13]

Haberstock verkaufte das Gemälde nur wenig später am 5. Januar 1942 für RM 8.500,- an das Deutsche Reich.[14] Es wurde für den „Sonderauftrag Linz“ unter der Linz-Nr. 2243 inventarisiert.

Die Nummer K1129 auf der Property Card weist auf die Lagerung des Gemäldes im Depot Kremsmünster hin.[15] Das beschlagnahmte Stift Kremsmünster in Österreich war das erste Auslagerungsdepot des „Sonderauftrag Linz“. Ab Mai 1941 wurden hier Kunst- und Kulturgüter untergebracht, die für das „Führermuseum“ erworben wurden.[16] Aus Angst vor Luftangriffen wurde das Depot bereits 1943 aufgelöst und dort gelagerte Objekte zunächst in Depots in Hohenfurt sowie Thürntal umgelagert.[17]

Um das Werk vor weiteren Kriegseinwirkungen zu schützen, erfolgte ab 1943 die Einlagerung in das Salzbergwerk Alt-Aussee in der Steiermark. Nach Sicherstellung durch US-Soldaten wurde es am 31. Oktober 1945 in den Central Collecting Point in München verbracht.[18] Am 1. Dezember 1948 übergab die amerikanische Militärregierung das Kunstwerk mit allen ebenfalls bis dahin nicht bereits restituierten Kunstgegenständen in die Treuhänderschaft des Bayerischen Ministerpräsidenten, Hans Ehard. Mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde das Werk 1949 gemäß Artikel 134 Grundgesetz Bundesvermögen.

Vor dem hier geschilderten Hintergrund bleibt nach dem bisherigen Kenntnisstand die Provenienz ungeklärt. [19]

Bearbeitungsstand: 2019

[1] Für das Folgende vgl. Galerie Heinemann online, Eduard Schleich d. J., Herbstabend – Rehe am Wasser, Kunstwerk-ID: 9954. URL: http://heinemann.gnm.de/de/kunstwerk-9954.htm [Abruf: 24.06.2019].

[2] Vgl.  Auskunft des „Stern Cooperation Project (SCP)“, München vom 27.03.2019. Besonderer Dank gilt dem Projektteam für die intensive Unterstützung der Provenienzforschung zum Werk. Weitere Informationen zum SCP sind über die Internetseite des ZIKG abrufbar. URL: www.zikg.eu/projekte/projekte-zi/stern-cooperation-project [Abruf: 26.06.2019].

[3] Vgl. Bundesrepublik Deutschland, Kunstverwaltung des Bundes, Property Card des CCP München, Mü-Nr. 9060.

[4] Im Bundesarchiv Berlin konnte in den Unterlagen zur Volkszählung vom 17.05.1939 eine Person mit dem Namen Hans Tiel ermittelt werden, der zu jenem Zeitpunkt jedoch in Zeipau (heute Polen) wohnhaft war. Vgl. Auskunft des Bundesarchivs, Berlin vom 29.01.2004.

[5] Vgl. Galerie Heinmann online, Kartei der angebotenen Bilder, Kunstwerk-ID: 41098. URL: http://heinemann.gnm.de/de/kunstwerk-41098.htm [Abruf: 25.03.2019].

[6] Vgl. National Archives and Records Administration (NARA), M1946. URL: www.fold3.com/image/270047494 [Abruf: 26.03.2019].

[7] Für das Folgende vgl. NARA, M1946. URL: www.fold3.com/image/270047497 [Abruf: 26.03.2019].

[8] Die Suche erfolgte über die Internetseite der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, welche die historischen Berliner Adressbücher der Jahre 1799 bis 1970 digitalisiert und online zugänglich gemacht hat. URL: https://digital.zlb.de/viewer/cms/155/ [Abruf: 15.03.2019]. Gesucht wurde nach „Hans Tiel“ sowie „Hans Thiel“.

[9] Vgl. Bundesrepublik Deutschland, Kunstverwaltung des Bundes, Property Card des CCP München, Mü-Nr. 9060. Siehe auch: Städtische Kunstsammlungen Augsburg, Haberstock-Archiv, HA XXV/58 und Horst Keßler, Karl Haberstock. Umstrittener Kunsthändler und Mäzen, München/Berlin 2008, S. 275, hier fälschlicherweise als Foto-Nr. 1873?, Abb. S. 310.

[10] Vgl. Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Lost Art, Modul „Provenienzrecherche“, NS-Raubkunst, Dienststellen und Verantwortliche des systematischen und organisierten NS-Kulturgutraubes, Karl Haberstock. URL: www.lostart.de/Content/051_ProvenienzRaubkunst/DE/Verantwortliche/H/Haberstock,%20Karl.html?nn=5148&cms_lv2=95378&cms_lv3=9332 [Abruf: 20.06.2019].

[11] Vgl. Horst Keßler, Karl Haberstocks Kunsthandel bis 1944, seine Rolle im Dritten Reich und die Augsburger Stiftung, S. 17–40, in: ders. 2008, hier S. 17ff; Für das Folgende vgl. Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Lost Art, Modul „Provenienzrecherche“, NS-Raubkunst, Dienststellen und Verantwortliche des systematischen und organisierten NS-Kulturgutraubes, Karl Haberstock. URL: www.lostart.de/Content/051_ProvenienzRaubkunst/DE/Verantwortliche/H/Haberstock,%20Karl.html [Abruf: 03.06.2019].

[12] Vgl. Christof Trepesch, Karl Haberstock und die Kunstsammlungen und Museen Augsburg, S. 9–15, in: Keßler 2008, hier S. 9ff.

[13] Vgl. ebd.

[14] Für das Folgende vgl. Bundesrepublik Deutschland, Kunstverwaltung des Bundes, Property Card des CCP München, Mü-Nr. 9060. Siehe auch: Städtische Kunstsammlungen Augsburg, Haberstock-Archiv, HA XXV/71 und Keßler 2008, S. 287, Nr. 5046.

[15] Vgl. Bundesrepublik Deutschland, Kunstverwaltung des Bundes, Property Card des CCP München, Mü-Nr. 9060.

[16] Vgl. Kathrin Iselt, „Sonderbeauftragter des Führers“. Der Kunsthistoriker und Museumsmann Hermann Voss (1884–1969), Köln 2010, S. 217.

[17] Vgl. Hanns Christian Löhr, Das Braune Haus der Kunst. Hitler und der „Sonderauftrag Linz“. Kunstbeschaffung im Nationalsozialismus, Berlin 2016, S. 54.

[18] Vgl. Bundesrepublik Deutschland, Kunstverwaltung des Bundes, zugehörige Property Card des CCP München.

[19] Überprüft wurden folgende Verlustdatenbanken und digitalisierte Archivunterlagen zum verfolgungsbedingten Entzug von Kulturgütern im Nationalsozialismus sowie historische Auktionskataloge: (1) Lost Art Datenbank, Deutschland (www.lostart.de) (2) The Central Registry of Information on Looted Cultural Property 1933–1945, Object Database, Großbritannien (www.lootedart.com) (3) Cultural Plunder by the Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, Database of Art Objects at the Jeu de Paume (www.errproject.org) (4) Répértoire des biens spoliés, Frankreich (www.culture.gouv.fr/documentation/mnr/MnR-rbs.htm) (5) The Getty Research Institute, German Sales Catalogs, 1930–1945, USA (http://piprod.getty.edu/starweb/pi/servlet.starweb?path=pi/pi.web) (6) Universität Heidelberg, Auktionskataloge – digital, Deutschland (http://artsales.uni-hd.de) (7) Galerie Heinemann online, Deutschland (http://heinemann.gnm.de/de/recherche.html) (8) Lootedart, Polen (http://lootedart.gov.pl/en) (9) NARA, Holocaust-Era Assets, USA (www.fold3.com) [Abruf: 15.03.2019].

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